Chronik des TV Walsum-Aldenrade 1907 e.V.

100 Jahre Turnverein Walsum-Aldenrade 1907 e.V. – ein komplettes Jahrhundert – zu einem Zeitpunkt, an dem der Mensch normalerweise seinen Lebenskreis geschlossen hat, gilt es für uns, eine Zwischenbilanz zu ziehen und das Geschehen dieser einhundert Jahre aus unserer Sicht noch einmal zu beleuchten.

In der Welt des Jahres 2007, in der Computer und Volltechnisierung vorherrschen, in der in den großen Industrienationen ein außerordentlicher Lebensstandard trotz ständig wachsender Inflationsraten erreicht wurde, in der in den unterentwickelten Staaten, der sogenannten 3.Welt, aber auch unvorstellbares Elend und Hungersnöte herrschen, fällt es dem Schreiber dieser Zeilen gar nicht so leicht, sich in das Jahr 1907 zurückzuversetzen.

Es war die Zeit des Umbruchs für das Dorf Walsum am Niederrhein, das aus seiner Beschaulichkeit gerissen wurde. Die Industrie breitete sich aus und lockte die Menschen durch die Schaffung einer Vielzahl von Arbeitsplätzen aus allen Teilen unseres Vaterlandes an den Niederrhein.

Aber auch in den Anfangsjahren unseres Jahrhunderts gab es Frauen und Männer, die erkannten, dass der arbeitende Mensch, um seine Schaffenskraft zu erhalten, einen Ausgleich benötigte.In der damaligen Zeit waren 12 Arbeitsstunden und mehr täglich an der Tagesordnung.Trotzdem hat eine kleine Gruppe ihre knapp bemessene Freizeit benutzt, auch in Walsum den Sport organisiert ins Leben zu rufen, um sich und ihren Mitmenschen die Möglichkeit zu schaffen, Entspannung und Freude bei Spiel und Sport zu finden.

Mit welchen Schwierigkeiten der Entschluß, einen Turnverein ins Leben zu rufen verbunden war, können wir uns gar nicht vorstellen; wir können dies nur der Überlieferung entnehmen. Die Opfer und die Einsatzbereitschaft unserer Vorväter würde bei der Jugend, die heute gewohnt ist, mit PKW oder Autobus sogar zu nahegelegenen Wettkampfstätten befördert zu werden, für die vollgekachelte Brauseräume eine Selbstverständlichkeit sind, sicher ein ungläubiges Kopfschütteln hervorrufen. Trotz der Widrigkeiten Andersgesinnter, die in schematischem konservativen Denken steckengeblieben sind und keinen Blick in die Zukunft richteten, gelang es ihnen, ein anfangs langsam aber ständig stärker pulsierendes Vereinsgeschehen ins Leben zu rufen.

Blicken wir zurück: In einem Gasthaussaal in der Gaststätte Tofahrn wurden die ersten Übungsstunden abgehalten. Dieser Saal war praktisch die Keimzelle des Turnvereins. Hier wurde die zündende Idee in sportliche Tätigkeit umgesetzt. Der Höhepunkt der Zeit vor dem 1.Weltkrieg, der von 1914 bis 1918 das Vereinsleben unterbrach, war die feierliche Einweihung unserer Vereinsfahne, die noch heute als Symbol unserer Kameradschaft vorhanden ist.

Die Zeit nach dem 1.Weltkrieg war eine stürmische Zeit. Schnell hatten unmittelbar nach Beendigung des Krieges die überlebenden Vereinsmitglieder wieder zusammengefunden, um mit Gleichgesinnten dort weiterzumachen, wo man vor dem Krieg notgedrungen aufhören musste. Neben der bis dahin betriebenen einzigen Sportart Turnen wurde eine Handball-Abteilung aufgebaut. Diese Sportart erfreute sich seinerzeit immer größerer Beliebtheit, so dass sich bald in unseren Reihen auch der Erfolg einstellte. Unvergessen ist die Leistung unserer 1.Mannschaft, die 193o „Meister des Rhein-Lippe-Gaues“ wurde.

Mit dem Machtwechsel im Jahre 1933 begann auch für uns eine Zeit, an die man sich nicht gerne erinnert. Die Machthaber dieser Zeit sahen im Sport nur noch ein Mittel zum Zweck der Selbstbestätigung. Sogar die Olympiade 1936 wurde dazu benutzt, Macht zu demonstrieren. Da die Politiker Institutionen ins Leben riefen, die ihren Interessen mehr nutzten, stagnierte das Vereinsleben immer mehr und kam bald ganz zum Erliegen.

Obwohl der 2.Weltkrieg im Chaos endete und unser Volk in den Abgrund stürzte, regte sich bald nach Beendigung des Krieges auch in unserem Verein wieder Leben. Durch den Krieg und in den Wirren der Nachkriegszeit war alles verloren gegangen, nur der Wille war da und der versetzt bekanntlich Berge. Wieder fanden sich bald Turnschwestern und –brüder, die die furchtbaren Ereignisse des 2.Weltkrieges heil überstanden hatten und machten unter der geretteten Vereinsfahne einen neuen Anfang. Bei der RESG im alten Stadion an der Römerstraße fand durch unsere Handballer auch sportlich wieder ein Anfang statt. Aber mit welchen Mitteln! Einige unserer heutigen Mitglieder kennen noch die Zeit des Improvisierens. Mit dem Fahrrad fuhr man fast einen halben Tag, um ein Wettspiel bestreiten zu können.

Am 2o.August 195o- mittlerweile waren auch die alten Turner wieder dazugestoßen – trafen sich in der Gaststätte Clören 38 Sportler, um das Vereinsleben wieder offiziell zu aktivieren. Unter dem dabei gewählten 1.Vorsitzenden Martin Schulz, dem 1.Kassierer Karl-Heinz Pankau und dem 1.Schriftführer Albert Schmidt ging es nun Schlag auf Schlag.

Die ständige Vergrößerung der Mitgliederzahlen machte es dringend erforderlich, eine eigene Sportstätte zu schaffen. Es gelang den damaligen Verantwortlichen, von der Gemeinde Walsum das heutige Sportplatzgelände auf 5o Jahre zu pachten. Auf den 1.Spatenstich am 26.April 1951 folgte eine Zeit opferbereiter Arbeit, die von den Mitgliedern unentgeltlich verrichtet wurde, denn Geld war kaum vorhanden. Man kann diese Opferbereitschaft getrost an den Leistungen messen, die unsere Vorfahren in der Gründerzeit vollbracht haben. Stolz konnten unsere Sportler 1952 beim 45-jährigen Vereinsjubiläum die Platzeinweihung miterleben. Es ging jedoch noch weiter.

Ein anliegendes Grundstück wurde von der Gemeinde in Erbpacht auf 99 Jahre erworben. Hierauf entstand das heutige Turnerheim mit den dringend benötigten Umkleideräumen und den Aufenthaltsräumen. Noch viele unserer heutigen Mitglieder haben in mühevoller Arbeit Stein auf Stein gemauert und Schubkarre auf Schubkarre herangefahren. In diese Zeit fiel auch eine Zäsur. Hermann Küpper löste Martin Schulz als 1. Vorsitzenden ab.

Die Einweihung des Turnerheimes am 2o.Oktober 1955 rief die ganze Turnerfamilie auf den Plan. Die Einweihungsfeier wird noch vielen in Erinnerung bleiben.

Als Folge der besseren Bedingungen stellte sich auch schnell ein großer sportlicher Aufschwung ein. Zu den bestehenden Abteilungen Turnen und Handball wurden eine Leichtathletik-, eine Gymnastik-, und nach der Vollendung der schon lange geplanten Tennisanlage auch eine Tennisabteilung gegründet. Im Zuge der Erkenntnis, dass Sport nicht nur Hochleistung bedeutet, sondern auch Bewegungstherapie ist, wurde schnell je eine Abteilung 2.Weg für Frauen und Männer ins Leben gerufen.

Die Mitgliederzahlen stiegen ständig. Waren es 1950 im Jahre der Wiedergründung 38 Mitglieder, steigerte sich die Zahl 1962 auf 267, 1965 auf 420 und 1967 auf 558 Mitglieder. Am 1.Januar 1972 zählte man 738 Mitglieder. Obwohl die Tennisabteilung sich im Jahre 1978 auf Beschluß der Jahreshauptversammlung selbständig machte und somit etwa 250 Mitglieder den Verein verließen, zählte der Turnverein Walsum-Aldenrade 1907 am 1.Januar 1982 wieder 539 Mitglieder. Die Chronik sollte nicht verschweigen, dass eine ständig größer werdende Entfremdung der Mitglieder der Tennisabteilung zu dieser Abspaltung beigetragen hat. Vorher wurde im Namen des TV Walsum-Aldenrade auf dem ehemaligen Gelände des alten Stadions an der Römerstraße eine sehr großzügige Tennisanlage gebaut.

Hinter dem quantitativen blieb auch der qualitative Aufschwung nicht zurück. Auf sportlichem Sektor brach die Zeit der außerordentlichen Erfolge an. Unserem damaligen Trainer der Leichtathleten, Reinhold Glodzinski, gelang es, drei Jahre hintereinander, 1964, 1965 und 1966 Deutscher Meister im Deutschen Zehnkampf zu werden. Ein wahrhaft großer Erfolg. Günter Quade wurde 1965 Deutscher Jugendmeister im Weitsprung und holte sich im gleichen Jahr mit 7,43 m auch den Deutschen Jugendrekord in dieser Disziplin. Schon 1964 hatte er sich für das Olympische Jugendlager qualifiziert und durfte die Traumreise nach Tokio mitmachen. Heinrich Wolters wurde Rheinischer Meister im leichtathletischen Sechskampf. Es wurden in allen Abteilungen großartige Einzel- und Mannschaftserfolge erzielt, die bewirkten, dass man von Turnverein Walsum-Aldenrade voller Achtung sprach. 1971 gelang es Volker Stürzer, sich als Bundessieger für das offizielle Jugendlager des Deutschen Sportbundes während der Olympiade in München zu qualifizieren und somit wohnte er bei den Athleten im Olympischen Dorf.

1966 legte Hermann Küpper, der 1.Vorsitzende, sein Amt aus gesundheitlichen Gründen nieder und übertrug das Steuer unseres Vereinsschiffes dem langjährigen 2.Vorsitzenden Hans Schaefer. Die Position des 2.Vorsitzenden übernahm Hermann Küpper, der seine Erfahrung und sein Wissen weiter in den Dienst des Vereins stellte.

Erfreulich war, dass einige jüngere Leute, die aus der Jugend unseres Vereins hervorgegangen sind, im Vorstand wichtige Aufgaben übernahmen. Bernhard Braun löste Walter Krone als Geschäftsführer ab und Arnd-Dieter Schmitz übernahm das Amt des 1. Kassierers von Albert Schmidt. Somit hatte sich unter der Führung von Hans Schaefer ein Team zusammengefunden, das bereit und in der Lage war, die Geschicke des Turnvereins auch in der Zukunft in die richtigen Bahnen zu lenken.

Die kommunale Neuordnung brachte auch für den TV Walsum-Aldenrade einschneidende Änderungen. In der Vereinsstruktur änderte sich zwar nichts, jedoch gehörten wir ab dem 1.Januar 1975 zur Großstadt Duisburg. Was viele befürchtet hatten traf jedoch nicht ein: auch die Stadt Duisburg steht dem Sport offen gegenüber, obwohl die finanzielle Unterstützung im Gegensatz zur ehemaligen Stadt Walsum doch wesentlich geringer geworden ist.

Im sportlichen Bereich ergaben sich ebenfalls einige Änderungen. So wurde 1975 eine Karate-Abteilung gegründet, die sich im Jahre 1978 jedoch wieder auflöste. Eine Volleyball-Abteilung wurde ebenfalls ins Leben gerufen, die bis heute recht erfolgreich ist und starke Aktivitäten entwickelt.

Die Jahre 1982 bis 1987 waren gekennzeichnet von bemerkungswerten Veränderungen. Zur Erhaltung und Erneuerung unseres Turnerheimes und zur Verschönerung unserer Platzanlage musste enorm investiert werden. Dafür stellte sich nach umfangreichen Umbaumaßnahmen das Turnerheim im neuen Glanz dar und war weiterhin der Treffpunkt unserer Turnerfamilie. Im Jahre 1982 wurde durch die Bildung einer Tennis-Hobbygruppe, welche sich ausschließlich aus Mitgliedern des TV Walsum-Aldenrade rekrutierte, die Möglichkeit geschaffen, die beiden alten Tennisplätze an der Schulstraße von Grund auf neu zu renovieren. Seitdem ist diese Hobbygruppe, in der viele ehemalige und auch noch aktive Handballer das Racket schwingen, ein weiterer Aktivposten unseres Turnvereins. Ebenfalls wurde eine Handball-Minigruppe gebildet. Hier hat der jüngste Handballnachwuchs – sowohl Mädchen wie Jungen – Gelegenheit, gemeinsam erste sportliche Lorbeeren zu ernten. Viel Freude löste im Verein der Aufstieg der1. Damenmannschaft im Hallenhandball in die Oberliga im Jahre 1983 aus. Dies war einer der größten sportlichen Erfolge unseres Vereins im Mannschaftssport.

In der Vereinsführung tat sich ebenfalls einiges. Nach über 18 Jahren als 1.Vorsitzender trat Hans Schaefer im Jahre 1984 zurück.Seine großen Verdienste für den Turnverein würdigte die Jahreshauptversammlung mit der Wahl zum Ehrenvorsitzenden. Vorübergehend übernahm Hans Rataj für 2 Jahre das Amt des 1.Vorsitzenden, schied jedoch 1986 wegen beruflicher Überlastung aus .Er wurde abgelöst durch Helmut Alfs, der ab 1986 als 1.Vorsitzender fungierte. Im Jahre 1986 machte auch Bernhard Braun nach über 19-jähriger Tätigkeit als Geschäftsführer Platz für Ulrich Ludwig. Somit wurde das Vereinsschiff ab 1986 durch einen geschäftsführenden Vorstand gelenkt, der durch sein Engagement und sein Können Garant für die Zukunft ist. Als 1.Vorsitzender Helmut Alfs, als Geschäftsführer Ulrich Ludwig und als Hauptkassierer Arnd-Dieter Schmitz, der bereits auch schon seit fast 25 Jahren dieses wichtige Amt bekleidet und sich weiterhin zur Verfügung gestellt hat. Es ist aus diesen zeitlichen Anführungen ersichtlich, dass der Turnverein Walsum-Aldenrade immer eine Vereinsführung hatte, die lange und kontinuierlich tätig war.

In die Zeit zwischen 1987 und 1992 fielen folgende Ereignisse, die für die Chronik zu erwähnen sind: Das langjährige Vorstandsmitglied Alois Treml wurde von der Mitgliederversammlung zum Ehrenmitglied gewählt. Unser Marathonläufer Alex Braam nahm im November 1988 am New York- Marathon mit Erfolg teil. Schließlich gab sich die Mitgliederversammlung im November 1991 endlich die schon lange fällige moderne und Zeitgemäße neue Satzung.

Die Jahre 1992 bis 1997 waren gekennzeichnet durch eine ruhige, kontinuierliche Aufwärtsentwicklung. In allen Abteilungen wurde von den Abteilungsvorständen engagierte Arbeit geleistet. Dadurch blieben naturgemäß sportliche Leistungen nicht aus. Hervorzuheben ist die erfolgreiche Jugendarbeit in der Handballabteilung, die zum Ergebnis hatte, dass der Turnverein die größte Anzahl Schüler und Jugendmannschaften im Kreis melden konnte. Die 1. Herrenmannschaft stieg in die Landesliga auf, was natürlich gebührend gefeiert wurde. Ein Handball-Förderkreis wurde gebildet. Dadurch konnte eine erfolgreiche Nachwuchsarbeit gefördert werden.

Ein tolles Erlebnis war auch das Treffen der alten Handballer. Viele ehemaligen Aktiven, die sich jahrelang nicht mehr gesehen hatten, fanden im Turnerheim Gelegenheit, alte Erinnerungen auszutauschen. Bei einem Glas Bier wurde bis in die frühen Morgenstunden gefeiert. Ein besonderer Höhepunkt in der Vereinsgeschichte war auch die Leistung von Bärbel Halfmann, die zweimal den Rhein-Ruhr-Marathon gewinnen konnte und dafür besonders geehrt wurde.

Verschwiegen werden sollte auch nicht eine große Spendenaktion zu Gunsten von Kindern, die bei der Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl zu Schaden gekommen waren. Alle Vereinsmitglieder waren aufgerufen, durch Sachspenden zu helfen. Die Aktion war ein großer Erfolg.

Auch die Jahre 1998 – 2007 waren Jahre des konstruktiven und erfolgreichen Vereinslebens. Die Gründung einer Billardabteilung sowie die Übernahme jeweils einer Rugby- und American-Football-Abteilung von anderen Vereinen, die diesen Sportarten keine Grundlage mehr bieten konnten, sind besonders hervorzuheben. Den Damen der 1. Handballmannschaft gelang 2002 der Aufstieg in die Oberliga. Im Jahre 2004 zogen die Herren der Handballabteilung nach. Somit hatte der TV-Aldenrade etwas geschaffen, was zu diesem Zeitpunkt kein anderer Verein in Duisburg anzubieten hatte: jeweils die 1. Mannschaft bei Damen und Herren in der Oberliga.

Im Jahre 2004 stellte Arnd-Dieter Schmitz nach über 33,jähriger Tätigkeit sein Amt als Schatzmeister zur Verfügung und machte einem Jüngeren Platz: Torsten de Laar wurde neuer Schatzmeister. Die Jahreshauptversammlung verabschiedete unseren AD mit stehenden Ovationen.

Schlussendlich ist noch von einer besonderen Ehrung zu berichten: Eleonore Köster erhielt das selten verliehene Sportlerherz der Stadt Duisburg im Jahre 2001. Später im Jahre 2007 wurde diese Ehre auch unserem 1.Vorsitzenden Helmut Alfs zuteil.

2007 – die Zwischenbilanz ist gezogen. Die kameradschaftliche Verbundenheit unserer Vereinsmitglieder, das Verständnis untereinander, die Bereitschaft zu sportlichem Wettstreit sowie das persönliche Engagement aller Vorstandsmitglieder und Übungsleiter dürften die Garantie sein, dass wir vertrauensvoll den Blick in die Zukunft richten können.

 

Bernhard Braun